Paarhufer in Afrika
Es gehört schon eine ganze Menge Übung und Erfahrung dazu, die über 50 verschiedenen Arten der kenyanischen Paarhufer voneinander zu unterscheiden. Alle haben ihren Lebensraum gefunden, statt Streit um Futter gibt es eher Symbiosen. Klassisches Beispiel dafür ist die Gemeinschaft von Zebras, Giraffen und Gnus, die einander beim Wittern von Gefahren ideal ergänzen und hier ein gut funktionierendes Warnsystem gegen Feinde aller Art entwickelt haben.
Dikdik: Sie sind die kleinsten Antilopen, kaum größer als ein Kaninchen, und kommen oft auch noch in sehr wasserarmen Gegenden vor. Mit einer Schulterhöhe von etwa 40 cm wiegen sie 3-6 kg. Das Fell ist graubraun, die hundeartige Schnauze oft behaart. Das Männchen trägt kurze spitze Hörner.
Buschbock: Nur einen knappen Meter groß werden die rötlich-braunen Buschböcke, bei denen ausschließlich die Männchen ein leicht gebogenes Gehörn tragen. Brust, Halspartie und Schwanzspitze sind weiß. Oft ist der Buschbock inmitten von Pavianrotten anzutreffen, weil er sich dort vor Leoparden sicherer fühlt. Bei Gefahr stoßen Buschböcke ein kurzes, eindringliches Bellen aus.
Elenantilope: Auch Elenantilopen gehören zu den Buschböcken, zählen dabei aber zu den größten horntragenden Huftieren. Sie leben gesellig in großen Herden und bevorzugen Steppengebiete, die sie leicht überschauen können. Die Tiere werden ca. 1,7 m groß und haben lange spiralförmige Hörner. Ihr Fell ist gelblich-grau oder rötlich-braun. Gerenuk oder Giraffengazelle: Man erkennt sie an den langen Hälsen, den hohen dünnen Läufen und den drei verschiedenen Farben ihres Fells: oben kastanienbraun, seitlich sandfarbig, unten weiß. Akazien sind ihr Lieblingsfutter, und man sieht sie meist aufgerichtet auf den Hinterläufen die oberen Zweige des Baumes fressen. Gerenuks haben einen erstaunlich geringen Wasserbedarf.
Gnu oder Weißbartgnu: Als absolutes Herdentier wird man das Gnu fast ausnahmslos in großen Verbänden antreffen. Die Bullen haben hier die Aufgabe, möglichst viele Weibchen an sich zu binden und sie samt Nachwuchs vor Feinden zu schützen. Beide Geschlechter tragen große, nach außen gebogene Hörner, die sie recht erfolgreich in Verteidigungskämpfen einzusetzen wissen. Streitigkeiten zwischen Rivalen sind gut Ende Mai während der Brunftzeit zu beobachten, wenn zugleich neue Territorien abgegrenzt werden.
Giraffe: Man unterscheidet in Kenya drei Unterarten von Giraffen: die Netzgiraffe im Norden, die Maasaigiraffe im Süden und die seltenere Rothschildgiraffe im Nordwesten. Alle können eine Größe von über 5 m erreichen, die es ihnen ermöglicht, potentielle Feinde, also insbesondere Löwen, auch über weite Distanzen mühelos zu orten. Ihr Futter finden Giraffen in den Spitzen der Akazien, die für andere Wildarten nicht erreichbar sind. Akazienblätter liefern den anspruchslosen Tieren hinreichend Feuchtigkeit, so daß sie lange ohne Wasser auskommen können und daher auch in trockenen Gebieten anzutreffen sind. Ein Giraffenbulle erreicht oft ein Gewicht um 600 kg, und es sieht schon graziös aus, wenn so ein Koloß mit weit gespreizten Beinen zu trinken versucht. Wenn sie davongaloppieren, geschieht das mit weit ausholenden Schritten, und man gewinnt leicht den Eindruck von Zeitlupentempo, obwohl Giraffen eine Geschwindigkeit bis zu 50 km/h erreichen.
Thomsongazelle: Ein graziler Körperbau und bis zu 3 m hohe, vollkommen ausgeführte Luftsprünge sind ein Merkmal der kleinen Thomsongazelle. Diese Sprünge sollen, so der amerikanische Zoologe Tim Caro, georteten Raubtieren signalisieren: »Du bist entdeckt, Angriff zwecklos.« Grantgazelle: Herdenweise und schwanzwedelnd begegnen einem die rehfarbenen Grants, meist in Langgrassavannen oder aber im offenen Busch. Hörner, schwarz glänzend und geringelt, tragen sowohl Bock als auch Geiß.
Impala oder Schwarzfersenantilope: Schöne Tiere sind die bis zu 1 m hohen Impalas mit ihrem geschwungenen Gehörn, das sie gern als Waffe benutzen. Man erkennt sie problemlos an dem rötlich gefärbten Rücken mit den hellen Flanken, durch die zwei schwarze Streifen verlaufen. Die Böcke verteidigen ihren Harem das ganze Jahr hindurch gegen unerwünschte Konkurrenz, denn es findet sich laufend ein »Junggeselle«, der auf der Suche nach Anschluß ist. Die Sprungkünste der Impalas sind berühmt: 10 m Weite und 3 m Höhe sind keine Seltenheit, wenn den Tieren eine Flucht geraten erscheint.
Kudu: Sowohl der Große als auch der Kleine Kudu gehören zur Familie der Waldböcke, sie unterscheiden sich voneinander vor allem in der Körpergröße. Das graubraune Fell des Großen Kudu ist kurz und weich, über die Seiten verlaufen je vier bis zehn senkrechte weiße Streifen. Imposant ist das riesige Korkenziehergeweih, mit dem sich die Bullen bei heftigen Kämpfen oft ineinander verhaken. Das Fell des Kleinen Kudu hat eine eher gelbliche Tönung, die je 13 oder 14 Streifen werden ergänzt durch zwei weiße Halsbänder. Kudus leben gewöhnlich in kleineren Gruppen: ein männliches Tier, acht bis vierzehn Kühe und Kälber. Während der Kleine Kudu recht häufig vertreten ist, sieht man den Großen nur noch selten. Die im späten 19. Jh. eingeschleppte Rinderpest, so sagt man, hat den Bestand stark dezimiert.
Oryxantilope oder Spießbock: Die Oryx, meist >Beisa< genannt, kannten schon die Ägypter im Altertum und züchteten sie als Opfertiere. Mit vier bis viereinhalb Zentnern Lebendgewicht gehören die Oryx zu den größten Antilopen, wirken aber keineswegs plump. Beide Geschlechter haben das gleiche Fell, gelblich-grau mit weißer Bauchmitte sowie weißen Gesichtsflecken, die sich bis zu den Weichen fortsetzen können. Besonders auffallend sind die riesigen, sehr spitzen langen Hörner, die von der Wurzel her geringelt sind und eine Länge bis zu 1 m erreichen können. Die größten Oryx-Herden findet man heute südlich des Lake Turkana und im Gebiet zwischen Tana River und Kilimanj aro.
Rappen- oder Säbelantilopen: Diese Pferdebockart kommt mittlerweile in Kenya sehr selten vor, und mit einiger Sicherheit findet man sie nur noch in den Shimba Hills. Als Äser liebt die Rappenantilope Wiesen und Savannen. Das Fell der Weibchen ist rot- bzw. dunkelbraun, während die Bullen meist schwarzbraun sind und weiße Gesichts- und Bauchmarkierung tragen. Rappenantilopen leben in Herden, denen der kräftigste Bulle voransteht.
Topi: Das Topi ist leicht mit der Kuhantilope zu verwechseln. Sein Fell ist jedoch dunkler, tiefbraun, Hüften, Schenkel und obere Vorderläufe sind von bläulich-schwarzer Farbe. Die Schulterhöhe beträgt bis zu 1,3 m, das Gewicht annähernd 150 kg. Um ihren größten Feind, den Löwen, abzuwehren, stellen Topis auf Bodenerhebungen Posten auf, die sich langsam in alle Himmelsrichtungen drehen, aber niemals ihren Standort verlassen.
Flußpferde: Flußpferde werden oft liebevoll >Hippo< genannt und sind, wenn nicht die größten, so doch mit bis zu 3 000 kg die schwersten Paarhufer. Ihre Population ist stark dezimiert worden, doch trifft man sie noch in der Masai Mara, bei den Mzima Springs im Tsavo West und am Lake Baringo. Sie mögen harmlos wirken, wenn sie nach ihren drei- bis fünfminütigen Tauchgängen schnaubend und grunzend den Kopf aus dem Wasser gucken lassen, aber der Schein trügt gewaltig. Schon oft haben Frauen beim Wasserholen oder spielende Kinder ihr Leben lassen müssen, wenn sie dabei einem Hippo zu nahe kamen. Brisant wird es vor allem dann, wenn man sich zwischen Wasser und Flußpferd bewegt und damit dem Tier die Chance zu einem kampflosen Rückzug nimmt. Besonders aggressiv und rauflustig verhalten sich die alten Bullen, die schon dann mit besonderer Vorsicht zu genießen sind, wenn sie scheinbar harmlos das Maul zum Gähnen aufsperren und dabei ihre furchterregenden Eckzähne zeigen. Auch Revierkämpfe untereinander enden für den Schwächeren oft tödlich. Hippos verleben den Tag meist im Wasser. Das archaisch anmutende Schauspiel, wenn sie in raschem Tempo über den Gewässergrund laufen, können Tauchunkundige im Unterwassertank von Mzima Springs erleben. Erst am späten Abend oder nachts kommen Flußpferde an Land, um zu äsen. Dabei verschlingen sie täglich mehrere Zentner Gras, das durchaus auch ein paar Kilometer entfernt vom Fluß wachsen darf. Mit ihren Ausscheidungen düngen Hippos die Gewässer und sind damit für die Fischerei sehr nützlich. An Land legen die Bullen ihren Kot immer an der gleichen Stelle ab, er markiert ihr Terrain durch manchmal meterhohe Misthaufen. Familie Schwein & Co.: Während das Flußpferd kein reinrassiges Mitglied der Familie Schwein ist, gilt das Warzenschwein als geradezu klassischer Vertreter seiner Art. Es lebt in der offenen Savanne, und in den Monaten Oktober bis Dezember, übrigens eine gute Zeit für Safaris, wird es häufiger vorkommen, daß ein Wurf kleiner Frischlinge in höchster Panik die Straße direkt vor dem Auto quert. Die Schwänzchen vor Aufregung senkrecht hochgestellt, laufen sie im Gänsemarsch hinter der Mutter her, den Rücken durch den alten Eber gedeckt. Warzenschweine werden mit ihrer braungrauen, wenig behaarten, runzligen Haut und den auffälligen Warzen unter den Augen oft als häßlich bezeichnet. Doch das ist eine Geschmacksfrage. Nicht infrage zu stellen ist ihr Mut. Wenn ein Keiler seine Familie bedroht sieht, zeigt er selbst vor kleineren Raubtieren keine Furcht, und seine bis zu 50 cm langen Stoßzähne haben schon so manchen Angreifer nicht nur in die Flucht geschlagen, sondern sogar ernsthaft verletzt. Warzenschweine ernähren sich überwiegend von Knollen und Wurzeln, es dürfen aber auch Beeren, Moose oder Gräser sein. Viel seltener wird man das Riesenwaldschwein antreffen, da es im feuchten Bergwald kaum auszumachen ist. Es hat ein langhaariges, schwarzes Fell und ebenfalls recht ansehnliche Hauer. Buschschweine gibt es zwar viel mehr, als gemeinhin angenommen wird, doch sieht man sie recht selten, da sie tagsüber völlig zurückgezogen leben und erst nachts aktiv werden. Nur um Mißverständnissen vorzubeugen, sei hier auch das Stachelschwein genannt, das zwar dem Namen nach in die Familie paßt, aber zu den Nagern zählt. Ebenfalls ein Nachttier und daher höchst selten gesichtet, lebt es in felsiger Buschgegend. Schweine, das sei ergänzt, sind als einzige Paarhufer keine reinen Pflanzen-, sondern eher Allesfresser.
