April 23rd, 2009 von Julia

Ein Bummel am Treibselwall entlang bringt immer Überraschungen. Vor allem Familien mit Kindern werden jedes mal fündig, wenn sie mit guten Augen und naturkriminalistischem Scharfblick die meist mehrfach nebeneinander, bei Spring- und Sturmflut besonders hoch liegenden Bänder von Angespültem durchsuchen. Sie verraten uns, wie hoch jeweils das Wasser während der letzten Flut im Vorland, auf der Hallig oder am Deich gestiegen war und uns das zu Füßen legte, was Wasser und Wind von nah und fern herantransportiert haben. Bei jedem Treibselspaziergang gibt es, abhängig von Jahreszeit und Windrichtung, andere Dinge in unterschiedlicher Zahl, naturgeschaffene und auch an falsch verstandene Freizügigkeit erinnernde Stücke zu finden. Teek-Wall nennt man in Nordfriesland auf plattdeutsch die Flutmarken der höchsten Wasserstände. Es ist wohl die angeborene Freude am Suchen und Finden, die Küstenanwohner, Ausflügler und Urlauber, jung und alt am Strandanwurf stochemderweise entlanggehen läßt. Ohne tauchen zu müssen, sehen wir dann vor allem im Frühjahr und im Herbst auf lange Ketten von allem Möglichen, in die Welt unter Wasser. Wer nach einer Sturmflut der erste ist, hat noch alles vor sich, was die See zu bieten hat. Fischerkugeln, bizarr geformte Äste und echte Hanftampen zieren später im Urlauberzuhause Regale und Kellerbar.
Der Treibselwall ist zunächst Friedhof des maritimen Lebensraumes. Von Wasser und Wind fein säuberlich nach Gewicht sortiert, finden sich viele Reste der gleichen Art auf gleicher Höhe. Alles riecht angenehm nach Meer. Im Herbst stellt das abgestorbene und losgerissene Seegras den größten Anteil des Treibsels. Die längsten Flutzungen bringen dann auch Mauserfedern unterschiedlicher Vogelarten, von Helgoland kommende Großalgen (Zucker-, Finger- und Palmentang), grasgrünen Darmtang, appetitlichen Meersalat, braunen Knoten- und Blasentang. Zu verschiedenen Jahreszeiten bereichern Reste von Tieren den Friedhof der Nordsee: vertrocknete Seesterne, Laufbeine von Strandkrabben, Bündel von Blättermoostierchen, pflanzenähnliches Seemoos, Rückenpanzer von Strandkrabben mit Seepocken, Eihüllen von Rochen, Panzer von Seeigeln, vertrocknete Steinpicker, Schulpe von Tintenfischen, aus früheren Wäldern stammendes Rollholz, Wohnröhren von Bäumchen- und Köcherwurm, mitunter ganze Wälle von Muschelschalen und Schneckengehäusen verschiedener Arten. Dung-, Schweb-, Tang- und Algenfliegen flüchten kurz gegen den Wind, wenn wir das Treibsel untersuchen. Zwischen den verrottenden Pflanzen springen Sandflöhe umher, Kleinspinnen verkriechen sich. Möwen, Austernfischer, Steinwälzer und mehrere Strandläuferarten suchen eifrig nach Freßbarem. Einen häßlichen Anblick für den naturinteressierten Strandwanderer bilden die vielen Dosen, Flaschen, Glühbirnen, Plastikbehälter, Nylonseile und Styroporstücke. Das Treibsel muß vom Deich aus Küstenschutzgründen regelmäßig abgefahren werden, weil es sonst die Grasnarbe absterben läßt und dann die Deichsicherheit nicht mehr gegeben ist.

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